Indonesischer Flugwahnsinn, Waldbrand und Amoklauf

Indonesien ist kein pünktliches Land. Wenn der grösste Waldbrand der indonesischen Geschichte durch das Land wütet, spielt Zeit gar keine Rolle mehr. Ich bin am falschen Ort. Maratua ist ein kaum bekanntes Tauchparadies, wunderschön. Aber um zurück nach Bali zu kommen, muss ich über Kalimantan reisen. Dort ist das Epizentrum des Waldbrandes. Der Rauch aus Kalimantan weht hinüber bis ins 1600 Kilometer entfernte Kuala Lumpur. Die Dimension des Feuers ist kaum begreifbar. Ich muss hinein, und will so schnell wie möglich wieder hinaus. Irgendwo zwischen Kafka und Fegefeuer beginnt die grässlichste Odyssee meines Lebens.

Falsches Asthma 

„Nein, wir können Ihren Flug nicht umbuchen. Der Rauch weht westwärts. Wir fliegen seit zwei Wochen ununterbrochen aus Kalimantan heraus. Machen Sie sich keine Sorgen.“, erklärt mir der Kundenservice von Garuda Airlines am Telefon. Ich und Hila glauben ihm kein Wort. „Schauen Sie, ich glaube ihnen. Aber wir müssen auf Nummer sicher gehen. Meine Freundin hat Asthma. Der Rauch auf Kalimantan ist Gift für Sie. Falls aus irgendeinem Grund der Flug gecancelt wird oder Verspätung hat, muss Sie ins Spital. Wir müssen jedes Risiko vermeiden. Bestimmt will Garuda Airlines auch nicht verantwortlich sein, wenn wirklich etwas passiert. Man kann nie wissen.“, „Ich verstehe Ihre Situation. Wenn sie Asthma hat, können wir den Flug umbuchen. Aber ich brauche eine ärztliche Bestätigung. Sonst kriege ich Probleme mit den Vorgesetzten.“. 
Natürlich hat sie kein Asthma. Manchmal ist Reisen eine Flunkerpartie. Wir wollen auf keinen Fall im Rauch Kalimantans feststecken und uns in Gefahr bringen. Auf Maratua gibt es leider keinen Arzt. Die benachbarte Insel Derawan hat ein kleines Spital. Dort fahren wir hin und hoffen auf ein Arztzeugnis. Ein derart provinzielles Spital wird kaum die Ressourcen haben, um die Krankheit wirklich nachzuprüfen, hoffen wir. 

Falsches Arztzeugnis

Derawan hat ein Spital, aber keinen Arzt. „Der Arzt hat leider letzte Woche gekündigt.“, informiert uns eine der drei Krankenschwestern, „Wir sind nicht befugt, Ihnen ein Arztzeugnis zu erstellen.“. Es ist Indonesien. Das Land des Verständnisses und der charmanten Höflichkeit. Vor allem ist vielen Indonesiern das eintönige, einfache Leben langweilig. Wir reden gut zu, machen Witze, erklären die Situation, und haben Glück: Die Krankenschwestern haben Spass an der Idee und holen den Stempel des ehemaligen Arztes aus der Schublade. Gemeinsam schreiben wir das Arztzeugnis, kritzeln eine Unterschrift hin, und schliessen den kleinen Coup mit einem Stempel ab. Fertig! Unmoralisch? Es ist September 2015. Der grösste Waldbrand der indonesischen Geschichte zerstört Millionen Hektaren Urwald. Im Epizentrum feststecken, oder den Kavaliersdelikten einen Besuch abstatten? Wir denken praktisch. Endlich können wir für einen Aufpreis den Flug umbuchen. Anstatt nächste Woche, können wir schon morgen rausfliegen. 

Der Wind weht nordwärts

Mit Boot und Jeep fahren wir zum Flughafen Tanjung Redeb in Berau. Auf den Anzeigetafeln steht: „Garuda – Tanjung Redeb – Balikpapan, auf unbestimmte Zeit verspätet“. Schon bei Ankunft ist uns der Rauch aufgefallen. Der Horizont verschwindet im Rauch. Es stinkt nach Kaminschlot. „Keine Angst, wir fliegen heute Nachmittag. Der Rauch weht nun nach Norden, auf uns zu. Aber wir machen heute noch einen letzten Flug.“, beruhigt uns das Garuda-Personal. Gestern klang das noch anders. Immerhin: Wir werden weiter beruhigt. Wir fragen nach Wasser und einem Mittagessen. Immerhin sind wir nicht Schuld am Warten. „Gehen Sie ins Café.“. Am Nachmittag werden wir unruhig. Bis jetzt ist keine Airline abgeflogen. „Morgen um 9 fliegen wir“, heisst es im Garuda Office. „Wir müssen also ein Hotel buchen. Ich nehme an, das geht auf Kosten von Garuda.“, „Natürlich nicht, der Waldbrand ist nicht unsere Schuld. Die Wartezeit geht auf Ihre Verantwortung.“, „Kennen Sie die internationalen Regeln betreffend Flugverkehr? Sie sind verpflichtet uns Kost und Logie zu geben bei einer Flugannulation. Falls Sie Pech haben, können wir zusammen mit einem Anwalt auch eine Entschädigung einklagen. Das käme teuer.“, „Ich kenne die internationalen Regeln nicht, aber wir bei Garuda haben unsere eigenen Regeln. Sehen Sie (er zeigt uns einen Ausdruck der „Business Policy“ von Garuda)? Ich habe Anweisung weder Essen noch Hotelgutscheine herauszugeben.“. Nach Garuda-Regeln ist auch eine Umbuchung auf einen anderen, unbetroffenen Flughafen unmöglich. Ob Garuda morgen fliegt? Wir glauben kein Wort. Langsam beginnen wir zu kochen, angesteckt von der Feuerkatastrophe und dem grauenhaften Service. 

Internationale Flugregeln versus Garudaregeln versus Wutanfall

Ein Wutanfall in Indonesien ist das dümmste, was man bei Problemen machen kann. Man verliert jeden Respekt. Bei uns scheinen alle Türen verschlossen. Trotzdem: Mit einem Wutanfall kriegten wir auf jede Tür noch einen Balken gehämmert und ein Vorhängeschloss angehängt. Wir recherchieren und schlucken die Wut runter. Bei der IATA schauen wir uns die internationalen Abkommen der Airlines und die Gesetze genau an. Wir studieren auch die indonesischen Fluggesetze und werden fündig. Uns stehen Hotel und Essen zu. Eine finanzielle Entschädigung ist unsicher, weil auch Garuda am Waldbrand natürlich keine Schuld hat. „Wir glauben Ihnen, aber sehen Sie: Ich muss mich an die Garudaregeln halten. Sonst kriege ich Ärger mit meinem Vorgesetzten.“, „Die Garudaregeln sind also wichtiger als internationale Flugabkommen und das indonesische Recht?“, „Genau. Ich kann da auch nichts machen.“, „Garuda ist eine international ausgezeichnete 5-Sterne-Airline mit der weltweit besten Economyclass, und hält sich nicht an die Gesetze? Entweder geben Sie uns im Mindesten Hotel und Essen, und die Garantie auf einen Flug am nächsten Morgen, oder ich rufe meinen Anwalt an. Danach können Sie mit ihrem Vorgesetzten reden, und schauen, wie weit über dem Gesetz ihre Garudaregeln stehen.“, drohe ich ihm. Er telefoniert kurz. „Ich habe mit meinem Vorgesetzten gesprochen. Ausnahmsweise bezahlen wir Hotel und Essen. Aber behalten Sie das bitte für sich.“. Draussen sitzen über 100 Indonesier, die wohl einfach auf dem Flughafenboden übernachten werden. Vermutlich fliegt in ganz Kalimantan kaum eine Maschine. Nach Garuda-Regeln stecken tausende Kunden an den Flughäfen fest. Sie besorgen sich im Warung Wasser, Tee und Essen, bevor sie auf dem Boden einschlafen. Unser Essensgutschein von je 2 Euro reicht nicht für eine volle Mahlzeit. Immerhin können wir uns damit einen Fruchtsaft gönnen. Das Essen bezahlen wir selbst.

Sriwijaya fliegt trotzdem 

Um 5 Uhr morgens werden wir geweckt. „Beeilen Sie sich! Wir müssen in 10 Minuten losfahren. Sonst verpassen Sie den Flug.“, heisst es. Am Flughafen gibt es keine Garuda-Maschine, die wir verpassen können. „Der Pilot musste zurück nach Balikpapan fliegen. Wegen dem Rauch war keine Landung möglich. Am Nachmittag können wir sicher fliegen. Ansonsten definitiv morgen früh.“, meint der Garuda-Angestellte. Seine Gene müssen aus Valium bestehen, denke ich. Im Büro einer anderen Airline, Sriwijaya, erfahren wir, dass heute definitiv niemand fliegen wird. Morgen früh fast sicher auch nicht. Falls jemand fliegt: Dann sicher nicht Garuda. Glücklicherweise: Immerhin richten sich die Sicherheitsregeln Garudas an internationale Richtlinien. Die Piloten bestimmen, ob sie den Flug für sicher halten. Bei Sriwijaya ist das anders. Falls das Kader bestimmt zu fliegen, dann müssen sie starten. Auch bei unsicheren Bedingungen. „Falls der Rauch nur aus kleinen Partikeln besteht, ist er für die Triebwerke nicht schädlich. Die schlechte Sicht ist kein Problem. Bei Regen fliegen wir ja auch.“, erklärt uns Sriwijaya. Die Airline ist aber sowieso ausgebucht. Sriwijaya hat auf Kalimantan zurzeit ein zweifelhaftes Flugmonopol. Alle wollen mit Sriwijaya fliegen. 

Die persönliche Ebene beginnt

Die Lügen, der grauenhafte Service, der Rauch, das lange Warten, die Müdigkeit, Hila mit dem Blut auf den Lippen: Die Geschichte wird persönlich. Ich will den Typen fertigmachen. Hila will bloss weg, bevor sie ausrastet. Seit gestern sind meine Fähigkeiten im Beruhigen von Frauen stark gewachsen. Aber alles hat seine Grenzen. Der Rauch ist dichter geworden. „Der Flughafen auf der Insel Tarakan ist noch in Betrieb. Aber sie müssen ein neues Ticket kaufen.“, heisst es bei Garuda, „Schauen Sie, ich verstehe Ihre Situation vollkommen. Sie sind müde, und vielleicht deshalb etwas wütend. Aber ich muss mich an die Regeln halten.“, „Nein! Die Regeln bestimme ich. Sehen Sie (Ich halte ihm den Ausdruck von IATA und den indonesischen Gesetzen vor die Nase)? Entweder buchen Sie uns um, oder wir verlassen das Büro nicht. Meinen Anwalt kann ich auch von hier aus anrufen.“. Das Garuda-Valium stampft mit seinen Lederschuhen auf den Boden. Endlich ist der erste Schritt getan, denke ich. Er verliert seine Contenance. Er beginnt zu schwächeln. Ein Vorgesetzter mit Schweissperlen und hundert Entschuldigungen, ein weiblicher Angestellter mit verachtendem Blick und unsere vielen Versuche in insistierender Dominanz machen weiteren Boden gut. Auch die anderen Reisenden sind aufmerksam geworden. Der Vorgesetzte bringt uns Wasser. 

Das Spiel mit 2 bösen Cops

Ich und Hila arbeiten im Team und sind beide böse Cops. Freundlichkeit bringt hier nichts mehr. Die heutige Verhandlung dauert schon vier Stunden. „Sie haben Glück. Wir buchen den Flug für Sie um. Sie müssen aber den Aufpreis auf das Ticket bezahlen. Auch die Fahrt mit dem Jeep und dem Schiff auf die Insel können wir leider nicht bezahlen.“. Das Garuda-Valium sieht wirklich aus, als wäre das ein grosses Zugeständnis. Immerhin erlassen Sie uns Buchungsgebühren und rechnen das schon bezahlte Ticket an den neuen Ticketpreis an. Ein Reisender rät uns: „Nehmen Sie das an. Das ist schon mehr, als ihr erwarten könnt.“. Das Garuda-Valium beruhigt nun andere Reisende. Auch sie wollen eine Umbuchung und sehen ihre Chance. „Wir können leider nichts machen.  Morgen fliegen wir.“, sagt er ihnen. „Natürlich können Sie etwas machen. Sie buchen nicht nur uns um, sondern jeden, der hier auf den Flug wartet. Ich will sehen, wie die anderen mit uns nach Tarakan gehen, sonst kriegen Sie weitere Probleme! Machen Sie schon! Die Zeit läuft!“, befehle ich ihm. Er folgt. „Die Flugtickets warten in Tarakan auf Sie. Nun gehen sie endlich!“, verabschiedet er mich. Wir steigen in den überfüllten Jeep und düsen über kalimantesische Holperpisten in Richtung Tarakan.

Kein Flugticket

Auf Tarakan kriegen wir das ersehnte Flugticket nach Balikpapan. Aber Balikpapan liegt noch immer in Kalimantan. Noch immer auf der Waldbrandinsel. Wir haben einen Flug nach Bali gebucht. „Alle Flüge raus aus Kalimantan sind für die nächsten zwei Tage ausgebucht. Danach können sie definitiv fliegen. Balikpapan ist vom Rauch nicht betroffen.“, berichtet Tarakans Garuda-Service. „Wir haben aber vom Garuda-Büro in Berau das Versprechen noch heute nach Bali fliegen zu können.“, „Das ist nicht gut. Wir können leider nichts machen, werden den Angestellten aber melden.“. Wir fliegen nach Balikpapan. Immerhin ist die Stadt näher an Bali. 

Vier Blicke Amoklauf

Man sieht es uns an. Wenn nichts gemacht wird, müssen sie uns ins Gefängnis stecken. Unsere müden Augen werden von den Wutblitzen hochgerissen. Zwei Blicke Amoklauf. Ich und Hila schreien uns schon gegenseitig an, bevor wir uns überhaupt an Garuda wenden. Alles geht schnell. Das heisst, innert zwei Stunden hat das Garudabüro uns Plätze auf einem Flug nach Jakarta freigemacht. „Alle Flüge von Jakarta nach Bali sind aber ausgebucht. Reden Sie dort mit dem Personal. Wir setzen Sie auf die Warteliste, falls ein Platz wird.“. Immerhin ist Jakarta nochmal ein Stück näher an Bali. „Wenn Sie nichts gemacht hätten, wäre ich im Gefängnis gelandet.“, sagt Hila mir. Vier feurige Augen warten auf die Landung in Jakarta. Mit weiteren zwei Blicken Amoklauf betreten wir das Garudabüro in Jakarta, dem grössten Flughafen Indonesiens. Wir kriegen ein Hotel, einen Essensgutschein und Plätze für den Flug Jakarta-Bali am nächsten Morgen. Es geht immer schneller. Diesmal waren wir nach 1.5 Stunden Diskussion und Warten schon am Ziel. Nach 3 Tagen Odyssee und erweiterter Schulung in Rhetorik, kommen wir auf Bali an, glücklichst. 

Nachspiel

Natürlich wollen wir eine Entschädigung. Ich rufe mehrmals ins Hauptbüro von Garuda in Jakarta an, und werde entweder abgewiesen oder weitergeleitet. Als die Weiterleitung mich zum Flughafenpersonal vom balinesischen Flughafen bringt, gebe ich auf. Sie hätten uns wenigstens an eine firmeninterne Stelle weiterleiten können. Am balinesischen Flughafen empfiehlt man uns, beim Hauptbüro von Garuda in Jakarta anzurufen. Sie hätten mit Garuda nichts zu tun, sondern verantwortlich für die Organisation des Flughafens. Ich versuche es in Übersee. Australien? Hat nichts gebracht. Niederlande? Hat nichts gebracht. Dubai? Ich solle ein E-Mail schicken mit den Boardingpässen und einer Beschreibung des Vorfalls. Das klänge katastrophal. Natürlich mache ich das. Ich habe nie wieder etwas von Garuda gehört. Anwalt in Europa? „Für Flüge ausserhalb Europas kenne wir uns mit der rechtlichen Lage zu wenig aus.“.Das wichtigste habe ich leider vergessen: Facebook. Falls ihr irgendwann einmal in Indonesien Garuda fliegt, und dabei Franz Kafka trefft: Macht es öffentlich. Dann könnt ihr auf eine Entschädigung hoffen. Garuda ist eigentlich eine grossartige Airline, solange nichts schief läuft. So gut wie sie in der Luft ist, so katastrophal scheint sie aber auf dem Boden zu sein. Immerhin: Die indonesische Regierung hat Garuda gerügt. Wegen des schlechten Kundenservice im Zusammenhang mit den indonesischen Waldbränden. Was meint ihr zu unserer Geschichte? Schon ähnliches erlebt, oder hatten wir einfach Riesenpech?

 

 

 

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