Sulawesi Barat: Kontraste, Menschen und Magie

Ein Palmweintrunk mit einem Gang-Mitglied, ein mystisch angehauchter Regierungsbeamter, Gospelmusik und ein LGBT-Paar im Schnapsladen: Sulawesi Barat ist ein Kaleidoskop des vielfältigen indonesischen Lebens. Der Inselstaat Indonesien vereinte schon immer Menschen aus verschiedensten Religionen und Kulturen, obwohl das Land mehrheitlich islamisch ist und die Vielzahl an animistischen Glaubensrichtungen offiziell nicht existieren.  Bei einer Reise durch das touristisch unerschlossene Sulawesi Barat entdecke ich diesen vielfältigen Mikroskosmus hautnah.

Retortenstadt

Mamuju ist die Hauptstadt Sulawesi Barats und ohne Sehenswürdigkeiten. Die kleine Stadt mit ihren 20 000 Einwohnern gibt es erst seit 20 Jahren. Wegen den Gold-, Kohle- und Erdölvorkommen der Gegend wurde sie im Eiltempo aufgebaut. Die Infrastruktur der jungen Stadt ist für indonesische Verhältnisse vergleichsweise gut. Es gibt robuste Abwasserkanäle an den Strassenrändern und das Strassensystem wurde nach amerikanischem Vorbild quadratisch aufgebaut. Die Architektur der grossen Moschee ist modern. Aber: Es gibt kaum kulturelle Angebote und für die Einwohner wenig Perspektiven. Die Einkünfte aus den Rohstoffen fliessen in die Taschen der regionalen Regierung und der Rohstoff-Firmen. Der soziale Aufbau dieser Retortenstadt wird nicht berücksichtigt. Am Strassenrand sehe ich Kinder zwischen 7 und 10 Jahren Schnaps trinken und Leim schnüffeln.

Wahlsaison

Mein Schlafplatz ist ein Spannteppich-Boden im Büro eines Politikers. Es ist Wahlsaison für den Gouverneur der Provinz Sulawesi Barat. Mein Gastgeber stellt sich zur Wahl. Im Vorzimmer des Büros wird auf Plastikstühlen und alten Sesseln die Strategie für den Wahlkampf besprochen. „Meine Pläne sind gut. Ich will das Dynamit-Fischen abschaffen, den sozialen Zusammenhalt in der Bevölkerung stärken und kulturelle Angebote in Mamuju aufbauen. Die Leute hier kämpfen sich finanziell von Tag zu Tag. Mein Gegner hat viel Geld. Kurzfristig helfen Geldgeschenke den Menschen am meisten. Mittels Bestechung und Vetternwirtschaft werden weiter Stimmen und Partner gewonnen. An die Zukunft denkt hier kaum jemand. Die Reichen denken an Reichtum und Macht. Die Armen denken ans Überleben. Meine Position ist dementsprechend schwierig“, erzählt mir der Anwärter für das Gouverneursamt und bringt es auf den Punkt: „In Indonesien kannst du alles kaufen, auch die Wahlen.“

Balok mit einem Mafioso

Palmwein ist allgegenwärtig in Indonesien, trotz der dominierenden muslimischen Religion. Hier heisst er Balok. Es soll der beste Indonesiens sein. In Mamuju gibt es ihn nicht. Zum Trinken fahren wir in ein nahes Dorf. Es ist Nacht. Der kleine Unterstand ist unbeleuchtet. Wir setzen uns auf eine Bank. Ich schmecke das süss-herbe, hefige Getränk. „In diesem Dorf bekriegen sich zwei Gangs miteinander. Für dich ist es aber sicher. Sie greifen keine Aussenstehenden an“, erzählt mir mein Freund Sardhy, „in Indonesien und besonders in Sulawesi ist die Mafia sehr mächtig. Wir Menschen aus Sulawesi gelten als besonders gewalttätig. Willst du einen Killer? Besorg dir einen Sulawesen.“ Mein anderer Trinknachbar kommt aus Makassar im Süden Sulawesis. Er hat dort einer Gang angehört. Makassar wurde zu gefährlich für ihn. Deshalb ist er nach Mamuju geflüchtet. Einige Regionen Makassars seien nachts sehr unsicher. Raubüberfälle seien an der Tagesordnung. Es gebe Gang-Kämpfe mit Motorrädern und Ketten mit Metalldornen als Waffen. Manchmal enden sie mit Toten. Die Polizei hat die Erlaubnis ohne Vorwarnung tödlich zu schiessen. „Hier ist meine Nummer, falls du mehr über Makassars kriminelle Seite erfahren willst. Über die Mafia zu schreiben ist kein Problem, wenn du Kontakte und die Erlaubnis hast. Berichte über Politik können dir aber Probleme bringen. Vor einiger Zeit war eine CNN-Journalistin hier, die zu sehr an den politischen Zuständen interessiert war. Sie wurde ausgewiesen.“ Der Gangster hat sich offenbar über die fremde Abwechslung gefreut: Er bezahlt uns den Balok und die Zigaretten.

Katernaturheiler

Am anderen Morgen fühle ich mich vergiftet: Balok ist nichts für den westlichen Magen. Ein Mann im Vorzimmer des Büros spricht mich an: „Hast du Magenprobleme? Ich kann dir eine Medizin geben.“ Noch habe ich nichts von meinen Schmerzen erzählt. Die Medizin, eine geruchlose Paste, wird mir in den linken Arm eingerieben. Es wird sofort heiss. Ich spüre die glühende Hitze bis in die Knochen. „Heiss?“, „Ja, aber es ist aushaltbar.“, entgegne ich. Der Mann reibt den Arm mit Öl ein. „Das ist simples Eukalyptus-Öl zum Neutralisieren. Ohne das Öl wäre das Hitzegefühl bald so stark wie glühendes Eisen.“ In Indonesien sind die alten animistischen Traditionen immer noch sehr präsent. Die neuen Religionen wie der Islam werden zwar praktiziert, gefürchtet werden aber die animistischen Mythen. Mit der Medizin verhält es sich gleich: Aspirin und Antibiotika sind kein Fremdwort hier, aber die indonesischen Naturheiler haben immer noch viel Ansehen und werden rege konsultiert. Vielleicht nicht zu unrecht: Meine Magenschmerzen sind verschwunden. Er will, dass ich seinen linken Zeigefinger kräftig drücke. „Das ist für die Superpotenz“, erklärt er mir.

Keine lebenden Toten mehr

Die Menschen dieser Provinz sind sehr gastfreundlich. Hitchhiking ist kein Problem. Ohne Geld auszugeben lasse ich mich von Mamuju nach Mamasa ins Hochland Sulawesi Barats fahren. Indonesischer Gospel läuft über die Auto-Stereo. Der Fahrer singt leidenschaftlich mit. Wir fahren vom muslimischen Mamuju in christliches Terrain. In Mamasa sind die ältesten Häuser der Toraja-Kultur zu finden. Die Mehrzahl der Bewohner wurde aber christlich missioniert. Die meisten animistischen Traditionen werden im Verborgenen gelebt. Mehr als einmal höre ich von Orten, die nicht zu betreten sind. Menschen, die es trotzdem taten, seien vergiftet worden und gestorben. Der Fahrer fragt mich: „Hast du von den lebenden Toten gehört? Bei uns Toraja können die Toten wieder auferstehen und sogar gehen. In Mamasa wird diese Magie aber nicht mehr praktiziert.“ In Tana Toraja weiter östlich ist die Ma’nene genannte Zeremonie immer noch Praxis. Falls jemand ausserhalb des Heimatdorfes gestorben ist, muss er zurückgebracht werden, um Frieden zu finden. Die mumifizierten Toten werden dafür eingekleidet, hergerichtet und mit etwas Stütze der Lebenden in Bewegung gebracht. 

Hochlandnatur

Mamasa liegt im tropischen Hochland. Während in den Tälern noch tropischer Dschungel vorherrscht, trifft man in höheren Lagen immer mehr Nadelbäume an. Kleine Dörfer und Reisfelder, Toraja-Häuser und Wasserbüffel beleben die Täler und Hänge. Die vielen Pinienbäume sind eigentlich in Indonesien nicht heimisch. Sie wurden in der Ära des Diktators Suharto gepflanzt. Weil sie schnell wachsen, sollten sie einen Beitrag zur Aufforstung Indonesiens leisten. Rund um Mamasa gibt es aber noch viel gesunden, artenreichen und ursprünglichen Primärwald. Bis auf eine Höhe von 3000 Metern reichen die bewaldeten Berge. Wasserfälle schmücken ihre Flanken.

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Kleine Dörfer schmiegen sich an Mamasas Hänge

Rumah Adat Toraja

Die Strassen Mamasas sind oft Schlammpisten. Einer Lastwagenspur folgend, fahre ich zu den Rumah Adat, den Toraja-Häusern Mamasas. Sie sind aufwendig bemalt und mit Skulpturen und Schädeln von Wasserbüffeln geschmückt. Jedes Toraja-Haus ist der Form dieses Tieres entlehnt. Hoch auslaufende Dächer krümmen sich zur Hausmitte hin nach unten. Der Wasserbüffel gilt hier als Symbol für Macht und Stärke. Das Haus des Dorf-Führers ist mit etwa 30 Metern Länge sehr gross. Andere Häuser sind Reislager und Gästehaus, haben religiöse Bedeutung oder dienen der einfachen Bevölkerung als Wohnstätte. In dieser Gegend werden die Toten in grosse, aus Holz geschnitzte Büffel-Statuen gelegt. Die letzte Ruhestätte in Tana Toraja sind wiederum in Felswände gehauene Nischen. Die Bräuche sind von Region zu Region verschieden, der Toraja-Ursprung, die charakteristischen Häuser bleiben sich ähnlich.

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Bei den Torajas in Mamasa sind Büffelskulpturen allgegenwärtig

 Jeepprobleme

Für den Rückweg nach Mamuju nehme ich den kürzesten Weg. „Die Strasse ist sehr schlecht, mit einem Jeep ist es machbar. In 7 Stunden bist du in Mamuju“, sagt mir mein Gastgeber zum Abschied. Nach zwei Stunden ist die Kupplung kaputt, nach vier Stunden das Getriebe. Es regnet. Der Fahrer liegt unter dem Jeep im Schlamm. Ein Fahrgenosse verschwindet im Wald, um Kräuter gegen seine Diabetes zu sammeln. Eine lokale Familie lädt uns zu Kochbananen und Kaffee ein. Das System der Gastfreundschaft und der gegenseitigen Hilfe ist hier noch fester Bestandteil der Kultur. Mangels funktionierender Infrastruktur, mangels einem Sozialsystem von Seiten der Regierung, würde diese Region anders kaum überleben. Mitten in der Nacht fahren wir ohne Licht weiter. Wir sind zu acht im Jeep und räumen zu acht mit blossen Händen und Taschenlampe den Jeep vom Schlamm frei, wenn es nötig wird. Im Dorf Aralle ist Endstation. Ein Rad ist vom Auto abgefallen. Morgen werden wir auf der Ladefläche eines Trucks weiterfahren. Unser Gastgeber, ein muslimischer Warungbesitzer, breitet zum Schlafen einen Teppich auf dem Boden aus und gibt uns Kissen. Die meisten Reisenden sind Christen aus Mamasa. Seit Jahrhunderten treffen in Indonesien verschiedenste Kulturen und Glaubensrichtungen aufeinander. Die Menschen sind an kulturelle und religiöse Vielfalt gewöhnt. So leben auch die zwei Weltreligionen Islam und Christentum in Indonesien fast immer friedlich zusammen.

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Rad ab: Hier ist Endstation

Zwischenstation Truckladefläche

Den Fahrtwind im Gesicht, halte ich mich an der Führerkabine des Trucks fest. Die Mitfahrenden auf der Ladefläche des Trucks empfahlen mir bei der Fahrt zu stehen. Der Kick sei grösser. Sie hatten recht. Das Gefühl ist grossartig. In den Kurven gleiche ich die Fliehkräfte mit meinem Körper aus. Adrenalin und Erregung fliessen durch den Körper. Rechts von mir schläft ein Junge auf einem Reissack. Mit einer Hand hält er sich fest, damit er nicht vom Truck fällt. Indonesier können fast überall schlafen. Auf dem Boden, stehend an einen Stuhl gelehnt, oder wie hier auf der Ladefläche eines schnellfahrenden Trucks. Ich schaue zu, wie die Dörfer mehr und die Wälder weniger werden. Nach zwei Tagen Fahrt und Warten komme ich endlich wieder in Mamuju an. 

Gastfreundschaft

Das Morgengebet klingt aus der nahen Moschee. Ich verlasse die Dusche meiner neuen Gastgeber, einer muslimischen Familie in Mamuju. Sogleich werde ich um ein Foto gebeten. Touristen sind hier selten. Hier fotografiere nicht ich, in ganz Mamuju werde ich fotografiert. Ein Selfie mit einem Weissen ist hochbegehrt. Auch die Kinder sind fasziniert: Mein Arm wird mir massiert, eines der Kinder fasst meine Haare an, ein anderes will schauen, wie sich weisse Beine anfühlen. Der letzte Schweizer sei 1987 hier gewesen, aber lange geblieben. Am Schluss habe er sogar die lokale Sprache Mandar gesprochen. Im Haus wohnen alle Generationen zusammen. Es gibt nicht genug private Zimmer. Die Kinder, ein Grossvater und einige Frauen schlafen auf dem Teppichboden der Stube. Am Morgen werden mir Kaffee, Tee und Süssigkeiten ans Bett gebracht. Am Mittag und Abend ruft man mich zum Essen an ein reichhaltiges Buffet. Gastfreundschaft im grössten muslimischen Land der Welt: Neben einem hautnahen Einblick in die indonesische Kultur, bietet eine private Einladung nicht selten besseren „Service“ und besseres Essen als ein Hotel.

Animistischer Muslim

Wie alle Mitglieder der Familie, ist Aco Muslim und trinkt keinen Alkohol. Ich könne aber ruhig trinken. Er leiste mir Gesellschaft. Im einzigen Alkoholgeschäft Mamujus arbeiten ein schwules Pärchen. „Wo in Europa gibt es die meisten Rechte für LGBT?“ fragt mich einer der zwei, ein Mann mit Glatze und leicht geschminktem Gesicht. Aco ist Regierungsbeamter. Er weiss genau um die politischen Zustände Indonesiens und ist unzufrieden. „Gute berufliche Positionen und geschäftliche Aufträge werden unter der Hand an Freunde und Verwandte weitergegeben, oder einfach verkauft. Wer Polizist werden will, kann sich den Posten kaufen. Danach hat er über die Bestechungsgelder ein gutes Einkommen. Auch der Naturschutz ist ein riesiges Problem in Indonesien. Die Elite bereichert sich auf Kosten der Natur und der Armen. Wer kein Geld hat, ist gezwungen bei der Umweltzerstörung mitzumachen. Um zu überleben werden unter anderem Haifischflossen und Schildkröteneier verkauft“, erzählt er mir. Aco wäre gern Tauchlehrer. Er liebt Indonesiens Unterwasserwelt. Der Schutz der Riffe liegt ihm am Herzen. Sobald er mehr Geld hat, will er Metallgerüste fertigen lassen. Leicht unter Strom gesetzt sind sie ein gutes Fundament für den Aufbau neuer Korallenriffe. Die Elektrizität regt das Wachstum der Korallen an. „Glaubst du an Magie?“ will er noch wissen, „Ich schliesse sie nicht aus.“ „Hier ist Magie ein fester Bestandteil des Lebens. Es gibt hier Menschen, die dir das Böse zeigen können, oder dich heilen. Falls du jemanden töten willst, brauchst du kein Messer. Du kannst auch zu einem Zauberer gehen. Wenn du hier schlechte Absichten hast, bekommst du Probleme. Aber du bist ein guter Mensch und wirst von Gott beschützt. Positives Denken ist entscheidend, um dem Schlechten vorzubeugen, rät mir Aco, der Muslim und Animist.

Du hast Lust auf ein Reiseabenteuer abseits touristischer Routen? Meine Reise nach Mamasa gibts auch als Reiseangebot. Von Mamuju aus kannst du auch gut eine Traumreise zu unbewohnten Inseln verwirklichen. 

 

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