Reisemagie ausserhalb der Rauchsaison

 

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Lokale Beatboxkunst

„Die Städte in Kalimantan sehen allgemein trostlos aus.“, meint der Guide David bei unserer Ankunft in Banjarmasin, im Süden Kalimantans. Kalimantan, Borneo, ist eine Mischung aus indianischer und islamischer Kultur, artenreichem, paradiesischem Dschungel und gravierendster Umweltzerstörung. Kalimantans Städte sind Industriestädte, meist unschöne Profiteure der Zerstörung von Kalimantans Dschungel. Banjarmasin im Süden Borneos kennt nicht nur Regen- und Trockenzeit, wie der Rest Indonesiens, sondern noch eine dritte Saison: Die Rauchzeit. Drei Monate jährlich steckt die Stadt im Rauch der Dschungelfeuer und die Lunge atmet Gift. Vielleicht ist die Heimat der Orang-Utans, der einzigen asiatischen Menschenaffen, irgendwann ganz zerstört. Ausserhalb der Rauchsaison ist Kalimantan Selatan aber immer noch ein wunderschönes, faszinierendes und  exotisches Reiseziel. Für Liebhaber tiefer kultureller Einblicke und Reiseabenteuer ausserhalb westlicher Komfortzonen.

Kleiner Zoo beim Guesthouse

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Zutrauliches Nasenaffenkind

Das Sahabat Bekantan ist ein Rehabilitationszentrum für Nasenaffen und gleichzeitig unser Guesthouse. Die Atmosphäre ist familiär. Wir essen zusammen im Wohnzimmer der Familie. Im Garten ist ein Teich mit Schildkröten und Welsen. Aus den Vogelkäfigen sprechen Papageien ihre Flüche aus. Das Highlight sind natürlich die zehn Nasenaffen. Wegen der Abholzung der Wälder Kalimantans sind sie stark gefährdet. Verletzte Affen, oder Affen, die sich in die Zivilisation verirrt haben, können im Sahabat Bekantan abgegeben werden. Hier werden sie wieder aufgepäppelt und danach auf einer geschützten Insel ausgesetzt. Für diese Affenart ist das Sahabat Bekantan das grösste Rehabilitationszentrum Südkalimantans. Zehn Nasenaffen scheinen nicht viel, aber das Zentrum leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung. Den Menschen in Südkalimantan muss bewusst werden, wie wichtig ist es ist, den Dschungel und seine unzähligen Bewohner zu schützen. Die drei Monate Rauchzeit sind Katastrophe genug.  

Nasenaffen und ein Gavial

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Mutprobe Gavial: Bloss keinen Fehler machen

Die Nasenaffen sind sehr friedlich. Jedes Tier hat einen eigenen Charakter. Einige sind scheu und lassen sich nicht berühren. Einem anderen Affen, Wilma, schüttle ich die Hand zum Gruss, und muss nachher seine Finger einzeln von mir abziehen. Er will mich nicht wieder freigeben. Lucky Boy ist hyperaktiv. Wenn ich den Arm in den Käfig halte springt er drauf und missbraucht ihn als Trampolin. Danach hängt er sich in den Arm ein, um sich auszuruhen. Es macht einen Riesenspass den Charakter der Affen zu erforschen.„Im Badezimmer ist übrigens ein Krokodil.“, meint plötzlich einer der Angestellten. Keine fünf Minuten später halte ich einen Gavial, eine seltene Krokodilart in den Händen. Das Adrenalin schiesst durch meinen Körper und ich bin genau dort gelandet, wo ich hinwollte: Ins Reiseabenteuer.

Sonnenaufgang zum schwimmenden Markt

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Morgenmagie am schwimmenden Markt

Langsam geht die Sonne auf, und macht aus dem Morgen Magie. Unmengen an Rottönen münden in eine sich golden aufsteigende Sonne. Die Lichtstrahlen reflektieren auf dem Wasser des Flusses Marta Pura. Wir sitzen auf dem Dach eines Boots und sind auf dem Weg zum schwimmenden Markt Banjarmasins, vorbei an Pfahlhäusern, die sich an die Seiten des Flusses schmiegen. Banjarmasin wird nicht umsonst das Venedig des Ostens genannt: Ein Sonnenaufgang auf einem der Flüsse lässt jedes Romantikerherz höher und tiefer schlagen.  
Auf dem schwimmenden Markt reihen sich die Boote dicht an dicht. Gemüse, Früchte, Süssigkeiten und das obligatorische Frühstück aus Reis mit Beilagen werden angeboten. Die Verkäuferinnen tragen weite Hüte gegen die Sonne. Ich besteige eines der kleinen Marktboote, lasse mich durch das Getümmel rudern und geniesse das farbenprächtige, fremde Spektakel.

Selfies, Mangroven und die CNN

Banjarmasin ist keine Touristendestination. Wir sind die einzigen Weissen hier und werden schnell berühmt. Auf den Märkten will fast jeder ein Selfie mit uns schiessen, als exotische Erinnerung. Der lokale Fernsehsender Kompass interviewt uns über unsere Reise und die Arbeit des Sahabat Bekantan. Damit ruft er ein ungleich grösseres Medium auf den Plan: Die indonesische CNN. Während eines Tages werden wir vom CNN-Fernsehteam begleitet. Mit einem Boot fahren wir zur Insel Kembang, wo die gesunden Nasenaffen ausgesetzt werden. Die Affen schwingen sich von Baum zu Baum und wir pflanzen frische Mangroven an das schlammige Ufer, um die Insel vor Erosion zu schützen. Anlässlich eines Interviews erklären wir der CNN, wie wichtig der Schutz von Kalimantans Natur ist. Bei einem Bier im einzigen Nachtclub Banjarmasins lassen wir den erlebnisreichen Tag ausklingen. Nochmal werden wir Zeuge unseres Exotenstatus, als die Lifeband uns übers Mikrofon persönlich begrüsst und sich für unser kommen bedankt.

Riesenkönigsmoskitogeist

Die verschiedenen Indianerstämme Kalimantans werden unter dem Begriff Dayak zusammengefasst. Auf den ersten Blick scheinen sie sich wenig von den muslimischen Indonesiern zu unterscheiden. Wir leben im 21igsten Jahrhundert. Viele Indianer tragen westliche Kleidung, nutzen Smartphones, und leben in nicht allzu fremd erscheinenden Häusern. Im Dorf Loksado zeigt sich der indianische Ursprung erst auf den zweiten Blick. Ein traditionelles Langhaus, über 100 Meter lang, ist der Versammlungort des Dorfes. Die ganze Dorfgemeinschaft hat im Haus Platz. Die Gesichter der Menschen unterscheiden sich leicht von den Menschen Banjarmasins und lassen die indianische Herkunft erkennen. Die Atmosphäre hat etwas wildes. Am Lagerfeuer erzählen wir uns Geschichten über Tiergeister. Als wir bei einem Riesenkönigsmoskitogeist und einem Ritter mit Korallenschwert landen, beschliessen wir, dass ein bisschen Schlaf eine gute Idee wäre. 

Rafting bei den Dayak

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Rafting bei den Dayak

Rafting bei den Dayak ist etwas anders. Statt Gummibooten nutzen wir kleine, traditionelle Bambusflosse. Mit einem Bambusstab dirigiert der „Fahrer“ das Floss durch die kleinen Stromschnellen. An ruhigen Stellen geniessen wir ein Bad im Dschungel. Für uns ein Riesenspass, für die Dayak Überleben: Noch immer werden die Flosse benutzt, um in Banjarmasin Kunsthandwerk zu verkaufen. Die nicht ganz ungefährliche Reise auf dem Fluss in die Stadt dauert einen Monat.

Steinwerfende Orang-Utans

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Noch sind die Orang-Utan friedlich

 „Ein Gefühl, als würde ich meine Urahnen treffen.“, meint einer der Mitreisenden, Pierre, als er den wilden Orang-Utans in die Augen schaut. Wir werden mit Steinen beworfen. Näher heran kommen wir nicht. Die Orang-Utans sind aggressiv. Zum Glück: Es schützt sie zumindest ein wenig vor ihrem grössten Feind, dem Menschen. Die Rehabilitationszentren Kalimantans sind längst auch ein touristisches Geschäft geworden. Nicht immer zum Wohle der Affen: Korruption, Armut und Geldgier haben einige Zentren zu Affengefängnissen gemacht. Die Tiere werden ausgestellt und mit den Touristen Geld verdient. In Bos Nyaru Menteng können wir die Menschenaffen immer noch in freier Wildbahn erleben. Für uns geht ein Traum in Erfüllung.

Damm und Dummheit

Der knapp 1000 Hektar grosse Stausee bei Riem Kanan hat 9 Dörfer unter sich begraben. Weil zuwenig Wasser in den See fliesst, fliegen Flugzeuge vom über 500 Kilometer entfernten Java über den See. Sie sprühen Chemikalien in die Luft, um die Wolken in Regen zu verwandeln und dem Stausee zu ein wenig Rentabilität zu verhelfen. Das Wasser fehlt dafür jetzt an anderen Orten. Die Einwohner rund um den See profitieren nicht von diesem riesigen Wasserkraftwerk. Der Strom fliesst in die Städte. Viele Dörfer haben nicht einmal Elektrizität. Ein Beispiel für die möglichen Blüten indonesischer Korruption und Fehlplanung. Die Politik ist am Wohl der einfachen Leute und der ländlichen Gegenden nicht interessiert.

Französische Qualität für ein ungeborenes Kind

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Wir sind die ersten Weissen auf Liang Toman

Für uns ist der See wunderschön: Von Palmen gesäumte tropische Fjorde, eine tiefgrüne Hügellandschaft und kleine unbewohnte Inseln machen die Gegend zu einem Geheimtipp. Einem echten: Einige Dörfer haben noch nie einen weissen Menschen gesehen. Auf der Insel Liang Toman werden wir von einer Kinderschar begrüsst. Wir laufen durch das Dorf und verteilen Schulbücher. Immer mehr Dorfbewohner laufen uns nach. Zuletzt sind wir eine Gruppe von 50 Leuten, die sich in der Dorfschule versammeln. Einige Stühle und Bänke, ein Raum ohne Fenstergläser, bilden das Fundament für die (kaum vorhandene) Schulung der Dorfkinder. Für die Kinder sind wir eine kleine Sensation. Wir stellen uns vor und singen Lieder. Valerie, die Frau in der Reisegruppe, ist plötzlich verschwunden. Erst zwanzig Minuten später finden wir sie in einer Hütte. Sie wird am ganzen Körper von einer schwangeren Frau abgetastet. Damit die Qualitäten Valeries und der französischen Kultur in das ungeborene Kind fliessen können. Bewegt und glücklich von diesem tiefen, fremden kulturellen Kontakt, als Mutter und als Reisende, verlässt sie die Hütte und wir gehen zurück zu unserem Boot. „Mister, schwimmen!“, rufen die Kinder. Ein Bad im See ist genau das richtige. Jeder von uns ein Kind auf dem Rücken, springen wir vom Dach des Boots in den See und kühlen uns ab.
Die untergehende Sonne spiegelt sich im See und erleuchtet die Buchten und grünen Hügel der vielleicht landschaftlich schönsten und rational dümmsten Fehlplanung Kalimantan Selatans: Des Stausees von Riam Kanan.

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Frauenmangel und Abendromantik

Lust auf Reiseabenteuer abseits touristischer Pfade ? Diesen Trip gibt es auch als Reiseangebot: Kalimantan Selatan

 

 

 

 

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