Slalom ins Dorfspital

Eigentlich wollte ich ein richtig geiles Video hochladen. Motorradfahren durch die landschaftlichen Schönheiten Balis. Mit einem grossen Schuss Adrenalin, Abenteuer und Geschwindigkeitsrausch. Es kam alles anders. 

Motorradslalom

„Wir können nichts dafür, auf Java kommst du dauernd zu spät, wenn du nicht aggressiv fährst.“, meinen die zwei Javaner, ihren Fahrstil erklärend. Natürlich macht es den beiden Spass. Der Verkehr im dicht besiedelten Java kann extrem sein. Wie es aussieht haben einige Javaner ihren Fahrstil nach Bali mitgenommen. Wohlgemerkt: Auch Balinesen fahren auf einem Niveau, das kaum Regeln zulässt. Aber in der Regel fahren sie langsamer und weniger aggressiv. Ich befinde mich in Denpasar, der Hauptstadt Balis und wir fahren mit Tempo 100 durch den chaotisch fliessenden Verkehr. Links und rechts überholend, zwischen zwei Autos hindurch, vermeintlich haarscharf an einem Unfall vorbei. Mit ausgestreckten Armen könnte ich beide Autos berühren. Mir kommt nur ein Wort in den Sinn: Motorradslalom.

Eine Lehrzeit

„Nur wenn die Strasse gut ist, fahre ich 100, ansonsten nur 80.“, meinte eine Javanerin. Sie hält mich für einen schlechten Fahrer, und ich muss ihr Recht geben. Man kann alles relativieren, aber ihr Können ist mir definitiv um Weiten voraus. Sie ist meine Nachbarin, und ich passe mich an. Ich gebs zu: Der Adrenalinrausch und der archaische, instinktive Fahrstil, haben es mir schnell angetan. Ich kitzle gerne an Grenzen. In den zwei Monaten, die ich in Denpasar verbringe, werde ich automatisch zum Profirollerfahrer ausgebildet. Zumindest im Vergleich zu Westeuropäern. Hier lernen viele das Fahren schon als Kinder. Motorräder und Roller sind in Grossteilen Indonesiens das wichstigste Verkehrsmittel und allgegenwärtig. „Jetzt bist du ein guter Fahrer!“, meint sie zum Abschied.

Die Schlaglochschiene

Es ist Nacht, und das Schlagloch zwei Meter lang. Die Schienenform lässt mir keine Chance, ich komme nicht mehr raus und verliere die Kontrolle über meinen Roller. Er fällt über mein linkes Bein und schleift mich über die ganze Strasse bis ins Gras. Mit pumpendem Herzen, einem ziemlichen Schock und Sternen vor den Augen, hebe ich langsam meinen Roller hoch und stehe auf. Was für eine Scheisse! Eine balinesische Familie hat den Unfall gesehen. Zum Glück kriege ich Hilfe, denke ich. Und hoffe, dass mir nichts geklaut wird. In so einer Situation muss man sich ergeben und vertrauen.

Ich gebe ihnen den Schlüssel zu meinem Roller und lasse mich ins Dorfspital fahren. Mit Dankbarkeit registriere ich: Der Roller ist schon vor dem Spital geparkt. Noch zitternd nehme ich die Schlüssel entgegen und lenke meine Schritte hin zu einer eher exklusiven Erfahrung: Der Behandlung in einem balinesischen Dorfspital.

Dorfspital und Zigaretten

Es ist 3 Uhr morgens. Die zwei Krankenschwestern sind sehr freundlich, neugierig auf den seltenen Besuch, und säubern meine Wunden. Ich kriege ein Päckchen Zigaretten geschenkt. „Gegen die Schmerzen und den Schock.“, meint  der Spitalmitarbeiter. Ein bewundernswerter Satz folgt: „Flirte ein bisschen mit den Krankenschwestern, das hilft immer!“, er stellt sie mir gleich selber vor. Man muss ehrlich sein: Eine Zigarette im Mund und hübsche Mädchen vor den Augen, das ist eine starke Situationsverbesserung und ein Grund den Unfall zu akzeptieren.

Immerhin hatte ich mit meinem Roller eine grossartige Zeit. Ganz Bali habe ich damit befahren, über Schlaglöcher, Passstrassen, Schlammpisten, durch dichten Verkehr, Dschungel und wunderschöne lange Geraden, dem Sonnenuntergang entgegen. Irgendwann kann man einen Unfall nicht mehr verhindern.

Überwältigende Kosten

Mir wird ein Bett mit Wolldecken zugewiesen und ich schlafe tief. Am anderen Tag werde ich von der ganzen Belegschaft gegrüsst. Wie es aussieht, hatten sie eine grosse Freude mich zu behandeln. Balinesen sind sehr neugierige Menschen, und in ein Dorfspital verirrt sich wohl kaum einmal ein Tourist. Ich kriege noch Medikamente zum Mitnehmen, Schmerzmittel und Antibiotika. An der Kasse überwältigt mich der Preis. „26 000 Rupiah? Seit ihr wirklich sicher?“, „Ja, es kostet nicht mehr.“. Ich ertappe mich dabei, den Preis hochhandeln zu wollen, das ist Unfair billig. Eine Nacht Spital mit Notfallversorgung und Medikamenten zum Mitnehmen hat mich gerade mal 2 Euro gekostet. In der Schweiz kostet ein Tee im Spitalcafé mehr. Danke an das Spital in Selat, dem freundlichsten und günstigsten meines Lebens!

Narbenwettbewerb

Mein linkes Bein ist von den Zehen bis zum Gesäss tief aufgeschürft. Im linken Daumen haben sich einige Muskeln verzogen, Ellbogen und Hand sind aufgeschürft. Unangenehme Schmerzen, die zum Glück vorbeigehen. Ich kann Bali-Reisende nur davor warnen, sich beim Fahren zu überschätzen. Im Partyort Kuta sind besoffene Touristen auf Rollern ein allgegenwärtiges Bild. Meist ist aber nicht der Verkehr das Problem, Indonesier fahren aggressiv, aber meistens konzentriert und gut. Ich habe mich an das geordnete Chaos gewöhnt. In den ruralen Gebieten können auch Hauptstrassen zu Schlaglochpisten verkommen. Die Strasse kann mehrere Kilometer lang einwandfrei sein, bevor plötzlich ausgerechnet in einer Kreuzung ein Belag aus Schotter und Löchern auftaucht. So etwas ist eher Regel als Ausnahme. Und das kann balinesische Strassen sehr gefährlich machen, trotz allem Ferienfeeling und der Abenteuerlust. Wenn bei einem Sturz auch noch dichter Verkehr vorhanden ist, kann es richtig fatal werden. Die Fahrzeuge fahren so dicht aufeinander, dass nicht immer gebremst oder ausgewichen werden kann.

Sehr viele Balinesen haben Narben von Verkehrsunfällen, und zum Teil lebenslange Folgeschäden. Mein Nachbar lebt seit Jahren mit einem deformierten Bein. Um zu überleben, muss er seinen kleinen Bauernhof auch unter Schmerzen bearbeiten. Manchmal höre ich seine Schreie bei der Arbeit. Als müsste er in einer harten, schmerzhaften Prügelei den Kopf oben behalten.

Meine 12 Jährige balinesische Cousine daheim? „Lass uns Narben zählen, vielleicht hast du eine Chance!“. Sie hat 23, und ich zum Glück verloren.

Seid vorsichtig beim Fahren!

 

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