Seven Summits: Die erste Indonesierin

Ein ruhiges Meer begleitet uns zwei Schnorchler. Noch kann man im Wasser stehen, weiter draussen fällt das Korallenriff senkrecht in einen Abgrund. Ich führe Mathilda an der Hand, sie hat Angst vor dem Schnorcheln. Viele Indonesier fürchten das Meer, Mathilda besonders. Es sei undurchschaubar. Auf Bali wohnen die Dämonen im Meer und die Götter auf den Bergen. Erst nach zwanzig Minuten kann ich ihre Hand loslassen.

Die sieben Gipfel

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Auf dem Gipfel der Carstenzspyramide | Mahitala Unpar

Mathilda ist eine Bergsteigerin aus Bandung, Java. Keine gewöhnliche: Mit zwei weiteren Indonesierinnen will sie die „Seven Summits“, die sieben höchsten Gipfel der sieben Kontinente besteigen. Sie wären die ersten indonesischen Frauen, denen das gelingt. Elbrus, Carstensz-Pyramide, Aconcagua und Kilimanjaro hat sie schon bestiegen. Im Juni 2016 ist der Denali geplant. Der Mount Vision in der Antarktis soll im Dezember 2016 bestiegen werden. Gekrönt wird der Traum 2017 mit dem König: Dem Mount Everest.

Der Denali ist ein anderes Kaliber als die vier bereits bestiegenen. Ein langer Gletscher führt zu den Flanken des Berges, ein Spaltenlabyrinth. Er liegt in Alaska, so weit nördlich, dass im Sommer die Sonne um Mitternacht scheint. Er ist schweinekalt und 6194 Meter hoch. Sie ist aus einem tropischen Land. Über „couchsurfing.org“ hat sie mich angeschrieben. Sie will bei mir übernachten und nebenbei von mir möglichst viel übers Bergsteigen erfahren, besonders über Gletscher, Eisklettern und hochalpine Sicherungstechniken.

Interview mit einem Schelm

Ich bin ganz sicher kein Profialpinist. Aber derart interessanter Besuch macht mich zum Schelm, meine fehlenden Beraterfähigkeiten bleiben unerwähnt. Ich will ein Interview mit ihr führen und sie nebenbei für eines meiner Bergprojekte gewinnen. Doch zuerst geht es schnorcheln.

Wer bist du?

Ich bin Mathilda Dwi Lestari und 22 Jahre alt. Zurzeit studiere ich in Bandung an meinem Master in „International Relations“. Ich habe die Mission, als erste Indonesierin die „Seven Summits“ zu besteigen. Meine Mission soll den indonesischen Frauen Mut und Inspiration geben. Ich will den Indonesierinnen zeigen, dass sie alles erreichen können, was sie wollen. 

Die erste Indonesierin auf den „Seven Summits“. Das ist ein spezielles Ziel. Wie kamst du gerade darauf?

Ich liebe die Berge, ich liebe das Reisen, und eben: Ich will Indonesien und vor allem den indonesischen Frauen etwas zurück geben. 

Wie hast du es ins Team geschafft?

In meinem Campus gibt es das Expeditionsteam „Mahitala Unpar“. Die ersten männlichen Indonesier auf den „Seven Summits“ gehören diesem Team an. Sie haben Erfahrung bei Expeditionen und sich gedacht: „Warum bringen wir nicht auch noch die ersten indonesischen Frauen hoch?“. Ich habe mich ganz einfach beworben und die Tests bestanden. Von den Frauen, die es ins Team geschafft haben, habe ich damals sportlich aber am Schlechtesten abgeschnitten. 

Die Besteigung der „Seven Summits“ kann bis zu 200 000 Dollar kosten, pro Person. Wie finanziert ihr das? 

Wir suchen Sponsoren an unserer Universität und bei indonesischen Firmen. Jeder, der helfen will, kann das natürlich gerne tun. 

Was war dein grossartigster Moment am Berg?

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Ein Sonnenaufgang am Acongagua gibt Kraft zum Weitergehen | Mahitala Unpar

Das ist eine schwierige Frage, weil jeder Berg seine eigene Schönheit hat. Für mich hat jeder Berg etwas spezielles, das mich beeindruckt. Aber am Schönsten fand ich die Besteigung des Aconcagua, weil sie mir so viel  zu lernen gab. Eine meiner Freunde im Team, musste die Besteigung abbrechen, weil sie Höhenkrankheit hatte. Es war schwierig für uns, sie zurückzulassen und die Stärke im Herz zu haben, um weiter zu steigen. Ich war sehr traurig, weil wir bis dahin fast jeden Berg zusammen bestiegen haben. Aber es war zu  ihrem eigenen Besten. Später kamen wir in einen Sturm, es war sehr kalt.  Zusammen mit der Höhe, hatte ich das Gefühl, als würde alle Energie aus meinem Körper gepresst. Aber der Blick über die Anden hat jedes Gefühl von Schwäche immer wieder von mir genommen. Auch die Menschen waren sehr freundlich und warmherzig. Ich vermisse es, wenn ich daran denke. Auf jeden Fall: Der Aconcagua war gleichzeitig der schönste und härteste Berg für mich.

Carstenszpyramide, Aconcagua, Elbrus und Kilimanjaro hast du bereist bestiegen. Mit dem Denali, Mount Vinson und Mount Everest hast du die Schwierigsten noch vor dir. Wie bereitest du dich darauf vor?

Wir trainieren härter als zuvor. Mit Joggen, Schwimmen, Yoga und vor allem Wandern bereiten wir uns physisch vor. Kurze Bergwanderungen machen wir mit bis zu 35 Kilo Gewichten in den Rucksäcken. Die Wanderungen sind auch sehr wichtig für das Teamwork und zum Erweitern unserer Expeditionskenntnisse. Natürlich lernen wir auch Klettern und Seiltechnik. Eine Herausforderung ist, dass wir weder Gletscher noch Eiswände haben in Indonesien. Deshalb können wir das nur in der Theorie lernen und müssen es dann direkt an den „Seven Summits“ lernen, kurz vor dem Start der Expedition. 

Im Dezember 2016 wirst du den Mount Vinson in der Antarktis besteigen. In dieser Region ist es dann durchschnittlich minus 30 Grad kalt. Du kommst aus einem tropischen Land. Wie stellst du dir das Bergsteigen in dieser Kälte vor?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich werde mich einfach durchkämpfen. Ich bin selbstbewusst und mental überzeugt, dass ich das schaffen kann. Unser Equipment wird auf dem Neusten stand sein. Ich kann mir so eine Kälte noch nicht vorstellen. 

Was ist der schönste Berg in Indonesien?

Es gibt viele schöne Berge hier. Mein Lieblingsberg ist der Gunung Argopuro. Die Besteigung ist das längste Trekking Javas und die Gegend ist sehr natürlich und wild. Es hat auch viele wilde Tiere dort. Der Berg an sich ist sehr schön, es gibt viel Savanne. Zudem ist es ein historischer Ort, das macht ihn so interessant. 

Was liebst du, neben dem Bergsteigen?

Ich liebe das Reisen, Lesen, Sonnenuntergänge an Stränden. Und ich singe gerne. 

Du studierst „International Relations“, ein Diplomatenjob ist da naheliegend. Ist das dein Traum?

Ehrlich gesagt interessiert mich das nicht besonders. Ich will reisen. Journalismus interessiert mich. Ganz sicher will ich nicht in einem Büro arbeiten. Ich werde einfach das Studium beenden und dann weiterschauen. Es gibt weltweit viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten mit meinem Abschluss. Da mache ich mir keine Sorgen. 

Wie ist das Studentenleben in Indonesien?

Ich denke so anders als zum Beispiel in den USA ist es nicht. Wir studieren und absolvieren Prüfungen bis zum finalen Examen. Oft studieren wir in Gruppen. Viele Studenten haben einen Nebenjob, oder machen im besten Fall Geld aus ihren Hobbies. Andere sitzen in Cafés oder gehen reisen.

Die meisten Indonesier sind sehr religiös, was ist deine Religion und wie praktizierst du sie?

Ich bin Katholikin, und ehrlich gesagt: Ich gehe nicht jedes Wochenende in die Kirche. Aber ich glaube an Gott und ich bete zu ihm. Ich glaube daran, dass dieses Universum mir hilft, alles zu erreichen, was ich will, in jedem Aspekt meines Lebens. Sofern ich hart dafür kämpfe, meine Wünsche und Ziele zu erreichen. Ich bin nicht sehr religiös, eigentlich, aber ich glaube an Gott.

Was ist der schönste, geheimste Ort Indonesiens, dessen Kenntnis jeden Reisenden zum Kofferpacken bringt?

Den habe ich noch nicht gefunden. Ich erzähls dir dann.

Ein grossartiges Ziel, und eine grossartige Frau. Mathilda, danke für das Interview!

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