Stiller Ausnahmezustand

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Ein Ogoh-Ogoh wartet auf seinen nächtlichen Einsatz | Yohana Winanti

Die Fenster in meinem Zimmer sind abgedeckt. Niemand darf bemerken, dass bei mir das Licht brennt. Duschen muss ich im dunkeln, weil mein Badezimmer nach oben offen ist.  Draussen patrouilliert die Religionspolizei. Es herrscht Ausgangssperre. Eine gespenstische Stille umgibt mich. Gestern war noch lauter Krawall überall, heute ist nichts mehr, ausser mein stilles Zimmer. Ganz Bali steht still. Es ist Nyepi, der Tag der Stille.

Flucht in die Party

Nyepi leitet das balinesische Neujahr ein. Er ist der Selbstreflektion vorbehalten. Kein Mensch, ob Einheimischer oder Tourist, darf sein Haus oder Hotel verlassen. In der Nacht darf kein Licht nach draussen dringen. Eine nur an diesem Tag existierende Religionspolizei überwacht die Durchsetzung der möglichst absoluten Stille. Manche Menschen flüchten an diesem Tag auf die muslimischen Nachbarinseln. Die nahegelegene Party-Insel Gili Trawangan ist das Kontrastprogramm zum Tag der Stille: Sie ist an Nyepi jeweils überfüllt mit jungen, trinkenden Indonesiern.

Universumsreinigung

Die religiöse Vorbereitung auf das neue Jahr beginnt bereits vier Tage vorher mit der Melasti-Zeremonie. Hunderttausende Menschen bringen Opfergaben ans Meer, die Seen und die Flüsse, um das Universum von Schlechtem zu reinigen. Den vielen streng religiösen Balinesen ist es wichtig dem Tag der Stille mit reinem Herzen zu begegnen.

Monsterparade

Am Neujahrsvortag werden die bösen Geister, die Ogoh-Ogoh vertrieben. Die mehrere Meter hohen Monsterstatuen, kunstfertig geschaffene Manifestationen der bösen Geister, zeigen Bali von seiner kreativsten Seite. Jede Statue ist anders. Einige sind mit metergrossen Monsterbrüsten ausgestattet, eine andere trägt ein aufgespiesstes Kunstschwein als Bewaffnung, viele zeigen sich mit grotesk verzerrten Gesichtern und heraushängender Zunge. Manchmal steht eine Figur aus der Populärkultur Pate. Eine Spongebob-Schwammkopf-Monsterstatue? Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Auf Bambusgestellen werden die Ogoh-Ogoh durch die Strassen getragen und geschüttelt, damit sie sich bewegen. Manche sehen beinahe tanzend aus, andere scheinen vor Wut zu zittern. Die traditionelle balinesische Gamelanmusik begleitet die Paraden. Sie finden in ganz Bali statt.

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Die Fantasie der Monsterkünstler kennt keine Grenzen | Yohana Winanti

Küsse am Puputan Square

Am Puputan Square in der Hauptstadt Denpasar wird Zuckerwatte verkauft. Fahrende Boxen beschallen die Strasse mit Technomusik oder Gamelan. Mädchengruppen laufen mit Fackeln vor den Monstern her und die Männer vertreiben die Geister mit lauten Rufen. Junge Liebespaare küssen sich zwischen den metergrossen Monsterbrüsten, Spongebob und den aufgespiessten Schweinen oder tanzen beglückt zur Musik. Mir kommt es vor wie eine Mischung aus Karneval und sanfter Street-Parade. Ohne Drogen, dafür mit umso verrückterer Optik.

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