Der kleine Carstensz

Am 10.6.2015 bricht im Osten Javas der Vulkan Raung aus. Aschewolken werden hunderte Kilometer weit durch Indonesien getragen. Zeitweise müssen fünf Flughäfen in Indonesien ihren Betrieb einstellen wegen schlechter Sicht und der gefährlichen Asche. Darunter auch der internationale Flughafen der beliebten Feriendestination Bali. Der Gunung Raung ist 3344 Meter hoch. Sein Kraterkessel hat einen Durchmesser von 2 Kilometern und ist 500 Meter tief.  Am 20.7.2015 füllt ein Lavasee fast den ganzen Kraterboden aus. Über zwei Monate später kommt die Eruption langsam zum Erliegen. Es war die stärkste seit 100 Jahren. 

Wilde Schönheit

Über die Nachrichten wurde ich aufmerksam auf die Schönheit des Gunung Raung. Der Dschungel ist dicht, einsam und so lebendig wie er sein sollte. Leoparden durchstreifen den Wald nach Beute, wilde Pfauen vollführen ihren Balztanz, Schlangen, Affen und verschiedenste Vogelarten leben hier. Vom felsigen und gerölligen Rand des riesigen Kraters muss die Aussicht über Java und Bali fantastisch sein. Es ist der mit Abstand höchste Berg in weitem Umkreis. Was mich aber am meisten interessiert ist der Tiefblick in den Krater. Wie sieht es 500 Meter tiefer, am Kraterboden aus? Was für Spuren hat der Ausbruch hinterlassen, der immerhin den ganzen Krater in einen Lavasee verwandelt hat? Ich will den Berg unbedingt besteigen. 

Der kleine Carstensz

Der Puncak Sejati ist mit 3344 M.ü.M der höchste Gipfel im Massiv des Gunung Raung und einer der schwierigsten Gipfel Indonesiens. Von Indonesiern wird er gerne der „kleine Carstensz“ genannt, bezugnehmend auf die Carstensz Pyramide. Mit 4884 Metern Höhe ist die Carstensz Pyramide höher als der Mont Blanc. Es ist der höchste Berg Indonesiens und einer der „Seven Summits“, der höchsten Gipfel der sieben Kontinente. Die Besteigung des „kleinen Carstensz“ soll klettertechnisch ähnlich schwierig sein. Vor allem indonesische Kletterteams haben ihn bisher bestiegen. Die anspruchsvollsten Stellen haben sie mit Fixseilen abgesichert. Fixseile werden als fixe Sicherungsmöglichkeit am Berg befestigt. Mit einem anderen Seil haben sie sich in der Gruppe beim Klettern und Steigen gesichert und haben die sehr ausgesetzten Kletterstellen und die bis zu 70 Grad steilen Geröllfelder überwunden. Teilweise haben sie für die Geröllhänge Pickel benutzt, um im Geröll besser einhaken zu können. Es gibt zwei Routen auf den Gipfel: Die Glenmore- und die Kalibaru-Route, und beide sind gefährlich. Ich will einen Partner suchen und den Berg im Alpinstil besteigen, mit möglichst minimalistischer Ausrüstung. 

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Eine der zwei Gipfelwege: Die Kalibaru-Route | Muhammad Chamdar

Solo – Du kannst das!

Obwohl es in Indonesien eine grösser werdende Wandercommunity gibt, Kletterer, Bergsteiger, gibt es kaum. Vor allem kaum welche mit Erfahrung. Der Klettersport hat in Indonesien etwa so viel Bedeutung wie der Tauchsport in der Schweiz. Eine Kletterausrüstung können sich die wenigsten Indonesier leisten. Die Suche nach einem Bergpartner führt mich über Wandergruppen auf Facebook, hin zu den Outdoorcommunities der Universitäten. Alles in indonesischer Sprache. Ich kriege Einladungen für diverseste Berge. Wer ein bisschen indonesisch kann und keine teuren Touristenwanderungen machen will, findet zum Beispiel in den „Pecinta Alam“ auf Facebook ganz sicher Gleichgesinnte. Nur: Puncak Sejati? Fehlanzeige.

Ich treffe mich mit einer balinesischen Ultramarathonläuferin, die zwar die Berge hochrennt, bis zu 70 Kilometer an einem Tag, aber nicht klettert. Beinahe gebe ich auf, bis der Zufall mir Mathilda in die Hände spielt. Sie will die erste Indonesierin auf allen „Seven Summits“ sein, den sieben höchsten Bergen der sieben Kontinente. „Couchsurfing.org“ vermittelt Reisenden Gratisübernachtungen bei lokalen Gastgebern. Dort fragt sie mich an, ob sie zwei Nächte bei mir verbringen kann, und ob ich ihr Tipps  geben kann für Sicherungstechniken auf Gletschern und im Eis.

Mein weites Herz sagt natürlich sofort ja. Die Zigaretten versteckt, ein Kletterseil am Wasserturm aufgehängt, beschliesse ich den besten Eindruck meines Lebens zu hinterlassen. Puncak Sejati, wenn nicht mit ihr, mit wem sonst? Leider hat sie keine Zeit, sie trainiert mit ihrem Team auf die Besteigung des Denali, des höchsten Berges Nordamerikas. Nichtsdestotrotz, wir verbringen eine grossartige Zeit zusammen. Der unbändige Wille auf die hohen, kalten Berge, die Leidenschaft dieser zierlichen Frau aus den Tropen beeindrucken und motivieren mich. Eine Solobesteigung? „Du kannst das, alles ist möglich!“. Und daran glaube ich, während ich mich auf die Solobesteigung des Puncak Sejati vorbereite. 

Klettern, wo die Götter wohnen

Bei diesem Projekt geht es nicht nur um den grossartigen Puncak Sejati, sondern auch um viele andere indonesische Berge. Für mein Training werde ich alle höheren Berge Balis besteigen und den höchsten Berg Lomboks, den 3726 Meter hohen Gunung Rinjani.

Auf der Kalibaruroute gibt es keine Wasserquellen, die Glenmoreroute birgt nur wenige. Pro Person 15 Liter Wasser schleppen? Ich will möglichst leicht hochsteigen und eine andere Lösung finden. Survival, die Kunst in der Natur mit wenig Hilfsmitteln zu überleben, hat mich immer fasziniert. Ich will lernen, wie ich im Dschungel trotz weniger sauberer Quellen an gutes Wasser komme und mir auch einen Teil der Nahrung direkt in der Natur beschaffen.

Auch Klettertraining und die Auffrischung von Sicherungstechniken sind wichtig. Der Pura Uluwatu ist einer der wichtigsten Tempel Balis. Die Sonnenuntergänge mit Aussicht vom Kliff auf das Meer und dem Blick auf den Tempel sind berühmt. Ich will klettern wo die Götter wohnen und die Schönheit alle Erwartungen übertreffen kann: An den Klippen Uluwatus. Wie ich das ohne Kletterpartner und ohne viel Klettererfahrung hinkriege? Davon könnt ihr ein anderes Mal lesen. 

Tiergeräusche, keine Helikopter

Vorzugsweise hätte ich das Warmduschen schon als Embryo ad acta gelegt und stattdessen an der Nabelschnur Seiltechnik geübt. Leider gehört eine alpine Bergtour auch im Land der tausend Götter nicht ins Reich der Mythologie. Die Sache wird schwierig und ich habe Angst.

In der Schweiz habe ich Erfahrung bei Bergtouren und vor allem bei schwierigen Alpinwanderungen gesammelt. Aber in den Tropen und derart abgelegen ist das eine andere Dimension für mich. Hier würde mich kein Helikopter retten und mit mehrtägigen Trekkings im Dschungel habe ich keine Erfahrung. Klar: Faktisch sind die voraussichtlich 4 Tage in diesem Dschungel nicht sehr gefährlich. Die Kletterei am Krater ist riskanter. Trotzdem: Es gibt Leoparden und Schlangen, Pflanzen, die bei Berührung wochenlang brennen und es gibt die Tiergeräusche, nachts in der Hängematte.

Mit genügend Vorbereitung werde ich im Mai auf dem Gipfel des Puncak Sejati stehen und der Wind wird mein Glück weit tragen.

Klettertraining an den Klippen Uluwatus und Bergwandern auf die Vulkane Balis, in den nächsten Posts erfahrt ihr mehr!

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